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HOMOSEXUALITÄT UND MISSBRAUCH??

Erklärung zum Seminar „Sexueller Missbrauch an Jungen“
- als Reaktion auf die erneute Anfrage in der Fragestunde des Bundestags vom 12. März 2008


In der aktuellen Fragestunde des Bundestags vom 12. März 2008 hat die Fraktion Bündnis 90 / DIE GRÜNEN zum wiederholten Male (wahlweise durch Volker Beck oder Josef Winkler) das Seminar kritisiert, das wüstenstrom beim diesjährigen Christival halten wird. Dabei wird ausgesagt, dass wüstenstrom offenbar nicht geeignet ist, ein solches Seminar durchzuführen, weil wüstenstrom unter anderem Menschen begleitet, die bewusst kein Coming Out, sondern sogar eine Veränderung ihrer homosexuellen Orientierung anstreben. Insbesondere wird von den beiden Abgeordneten kolportiert, wüstenstrom behaupte, dass Homosexualität eine Folge eben des zum Thema stehenden sexuellen Missbrauchs sei. Als Beleg dieser Aussage wird ein Artikel über Missbrauch auf der wüstenstrom-Webseite zitiert. Daran knüpft Volker Beck in der jüngsten Fragestunde nun gar die Mutmaßung, wüstenstrom wolle Opfern von sexuellem Missbrauch (bei dem stattfindenden Seminar für christliche Jugendmitarbeiter!) suggerieren, sie empfänden nun nach erlittenem Missbrauch homosexuell und würden von dieser so entstandenen Homosexualität durch wüstenstrom geheilt werden können.

Dazu erklären wir:

wüstenstrom propagiert nicht den Zusammenhang zwischen Homosexualität und sexuellem Missbrauch! Homosexualiät lässt sich nicht monokausal auf EINE Ursache zurückführen! Sexueller Missbrauch hat viele Folgen - darunter auch Homosexualität!

Homosexualität, etwaige Ursachen homosexueller Empfindungen oder die Veränderung von sexueller Orientierung, sind nicht Inhalt des Seminars „Tabuthema: Sexueller Missbrauch an Jungen“. Aufgrund der andauernden Infragestellung haben wir mittlerweile eine Skizze zum geplanten Inhalt des Seminars auf unserer Webseite veröffentlicht. Als Hauptziel des Seminars für Jugendmitarbeiter haben wir formuliert: Von dem Seminar soll ein gestaltender Impuls für die Jugendarbeit ausgehen, der Jungs Mut macht, Schwächen und Stärken in offener, lebendiger Weise miteinander zu teilen, so dass diejenigen, die Opfer von Missbrauch geworden sind, eine offene Türe finden um ihre Fragestellungen, die aus dem Trauma resultieren, teilweise in der Gruppe der Jungs bearbeiten zu können. 

Ferner behauptet wüstenstrom an keiner Stelle, dass Homosexualität als Empfindung oder Orientierung eine Folge von Missbrauch sei. Die vorhandenen Studien zeigen keinen eindeutigen Zusammenhang. Insbesondere verbietet es sich, das komplexe Phänomen homosexueller Empfindungen auf eine einzelne Ursache, wie den sexuellen Missbrauch, zurück zu führen. Gerade diese Engführung scheint uns aber unterstellt zu werden.

Tatsächlich haben wir aber in dem Beitrag über „Missbrauch“ auf unserer Webseite, unter vielen Folgen des „sexuellen Missbrauchs“ an Frauen (!), auch die „Entwicklung homosexueller Neigungen“ aufgeführt. Unter Fachleuten ist diese posttraumatische Folge so gängig und wird auch in nahezu jedem Fachbuch zum sexuellen Missbrauch beschrieben, dass wir sie bislang nicht durch Literaturangaben belegt hatten. Insbesondere für Volker Beck haben wir nun aber Empfehlungen dazu in die Literaturangaben des Beitrags gestellt. Ein Zitat aus einem Fachbuch:

Sexueller Missbrauch in der Kindheit findet sich bei homosexuellen Männern und Frauen mit 21-46% deutlich häufiger als in der Normalbevölkerung (Coxell et al. 2000; Tomeo et al. 2001). So fanden z.B. Bradford et al. (1994), dass ein Viertel der untersuchten lesbischen Frauen in der Kindheit sexuell missbraucht wurde, während bei homosexuellen Männern ein Anteil von 37% beschrieben wird (Doll et al. 1992). In einer Übersicht von 42 Studien (Beitchman et al. 1991) zählte Homosexualität neben sexueller Unzufriedenheit, Promiskuität und Reviktimisierung zu den berichteten Langzeitfolgen eines Missbrauchs. Auffällig ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen die Häufigkeit eines gleichgeschlechtlichen Missbrauchs. (...) Es finden sich Hinweise darauf, dass besonders Inzestopfer, teils vorübergehend, teils dauerhaft, homosexuelle Beziehungen eingehen.

Bernhard Strauß et al., Sexuelle Störungen und Verhaltensauffälligkeiten, in: Egle, Hoffmann, Joraschky (Hg.), Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung – Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen, 3. Auflage, Schattauer, Stuttgart 2005, 381-392

Wenn wir diese Folge sexuellen Missbrauchs nennen, verbinden wir damit keine Wertung, die sich gegen das Opfer des Missbrauchs oder gegen homosexuell empfindende Menschen richten könnte. Auch machen wir, wie bereits betont, zu den zitierten Beobachtungen nicht den Umkehrschluss, dass also Homosexualität daher komme, dass man missbraucht worden sei.

Insofern verwundert die harsche Ablehnung der Darstellung dieses Zusammenhangs sehr. Es hat den Anschein, als wollten Volker Beck und Josef Winkler bereits die Nennung dieser einen möglichen Folge sexuellen Missbrauchs unter den Verdacht der Homophobie, der Jugendgefährdung oder – wie man es schändlicherweise von ihnen schon beinahe gewohnt ist – in den Bereich der Menschenrechtsverletzung heben. Wir bedauern die Politisierung einer solch schwerwiegenden psychischen Problematik, wie es die Folgen sexuellen Missbrauchs sind, sehr.

Es bleibt also die Frage bestehen, wogegen die Abgeordneten der GRÜNEN hier kämpfen. Zumal, wie noch einmal betont werden soll, Homosexualität und der Zusammenhang mit sexuellem Missbrauchs in keiner Weise Thema des geplanten Seminars sein wird.

Man kann also nur mutmaßen: Ist es einfach eine Facette der allgemeinen Hatz von Volker Beck gegen wüstenstrom (und das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft) und damit eine Aufregung, die bewusst gesucht – um nicht zu sagen „inszeniert“ – wurde?
Wir hoffen sehr, dass die Abgeordneten der GRÜNEN nicht vorhaben, mit ihrem Vorstoß die möglichen Folgen von sexuellem Missbrauch zu bewerten und abzuwerten, und damit „unter der Hand“ Volker Becks altes Thema von der „Entkriminalisierung der Pädosexualität1“ wieder in die politische Diskussion einfließen zu lassen.

Stefan Schmidt
wüstenstrom e.V.
Tamm, 12.03.2008



Endnote:

1 s. Volker Beck, Das Strafrecht ändern? Plädoyer für eine realistische Neuorientierung der Sexualpolitik, in: Angelo Leopardi (Hg.), Der pädosexuelle Komplex, Förster, Berlin 1988.

Verweise