Kann Sex denn süchtig machen, wo doch keine Droge im Spiel ist? Wie
die Spielsucht zum Beispiel, erscheint die Sexsucht als
nicht-stoffliche Sucht, da es hier nicht um Stoffe geht, die man dem
Körper zuführen würde. Vielmehr leben solcher Art Süchte von der
Erregung. Was aber geht da im Köper vor?
Bei der Sexsucht
beobachtet man, dass es einen Zusammenhang mit biochemische Prozessen
gibt, die im Gehirn ausgelöst werden. So werden bei sexuellen
Phantasiespielen und beim Orgasmus biochemische Botenstoffe im Gehirn
freigesetzt, zum Beispiel das Phenylethanolamin (PEA). Die
Molekularstruktur von PEA ähnelt der von Amphetaminen und erzeugt einen
Zustand hoher Erregung. PEA bewirkt einen sofortigen Stimmungswechsel.
Natürlich
ist es zu einfach, wenn man sagt, die Sexsucht hängt am PEA. Was sich
aber als wahrscheinlich darstellt ist, dass der Mensch, der sich in
bestimmten Zusammenhängen an Sex gewöhnt, ihn immer wieder braucht.
Welche weiteren der 300 Botenstoffe, die es im Gehirn gibt, der Mensch
sonst noch rauschhaft verwendet, ist bislang ungeklärt.
Folgende weitere Faktoren sind wichtig:
a.)
Man hat festgestellt, dass sich die PEA-Konzentration in Zusammenhang
mit sozialen Reizen eher erhöht; so zum Beispiel im Zusammensein mit
bestimmten Menschen, die eine anziehende Wirkung haben.
b.) Man hat
festgestellt, dass es vermutlich einen Zusammenhang zwischen der
Ausschüttung von PEA und anderen morphinartigen Botenstoffen gibt, wenn
Angst und Risiko mit ins Spiel kommen.
c.) Sexuelle Stimulation im
Zusammenhang mit inneren Spannungszuständen wie Stress, Ängsten,
Minderwertigkeiten, fördert die Gewöhnung und bereitet die spätere
Abhängigkeit vor.
Fazit: Sexsucht ist zwar an bestimmte äußere
Faktoren gebunden, ist aber dennoch eine stoffliche Sucht. Daher muss
bei der Therapie genauso ein Entzug erfolgen, wie bei anderen Formen
von Sucht.
Bin ich süchtig?
Vor aller Überlegung, wie man aus
Suchtverhalten auch wieder heraus kommen kann, ist es sehr wichtig,
Sucht auch eindeutig festzustellen und zu formulieren. Dazu sollen die
unten stehenden Merkmale dienen. Wenn mehrere der genannten Merkmale
zutreffen, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit Sexsucht vor.
10 wichtige Merkmale für Sexsucht:
1.
Mein sexuelles Verhalten ist außer Kontrolle geraten. Ich habe den
Drang, mich mehrmals täglich selbst zu befriedigen; stündlich oder
sogar mehrmals pro Stunde habe ich eine starke Erregung oder hänge
sexuellen Phantasien nach. (u.a.m.)
2. Ich gehe bei der Ausübung
meiner Sexualität hohe Risiken ein, z.B.: Ich nehme keine Rücksicht auf
gesundheitliche Folgen. Ich verwende keine Kondome. Ich schlafe trotz
einer Geschlechtskrankheit mit Menschen. Ich begebe mich in gefährliche
Situationen, um Sex zu erleben.
3. Ich bemerke bei mir die
Unfähigkeit, trotz schädlicher Konsequenzen mein Verhalten zu ändern.
Ich merke täglich oder phasenweise, dass ich mich immer wieder sexuell
stark ausagieren muss.
4. Mit meinem Verhalten gefährde ich mein
Leben, meinen sozialen Status, meine wirtschaftliche Grundlage, nehme
z.B. den Verlust von Ehe und Familie in Kauf. Ich gebe übermäßig viel
Geld aus, um Sex zu haben oder stimulierendes zu konsumieren. Sex
beschäftigt mich auch bei der Arbeit und ich täusche meinem Arbeitgeber
z.B. Krankheit vor, um sexuellen Phantasien oder Handlungen nachgehen
zu können.
5. Ich habe den kontinuierlichen Wunsch, Sex in den Griff
zu bekommen. Immer wieder nehme ich mir daher vor: jetzt ist es das
letzte Mal!
6. Ich habe ständig sexuelle Zwangsvorstellungen, vor allem dann, wenn ich im Stress bin und stark unter Druck stehe.
7. Ich suche in meiner Sexualität immer nach dem noch größeren Kick. Immer bin ich von dem, was ich sexuell erlebe, enttäuscht.
8.
Ich leide unter starken Stimmungsschwankungen, vor allem vor, während
und nach der sexuellen Erregung. Wenn ich keine sexuelle Erregung oder
kein sexuelles Abenteuer erlebe, werde ich unruhig, ungenießbar,
aggressiv, unkonzentriert, fahrig.
9. Ich verschwende übermäßig viel
Zeit, um mir Sex zu verschaffen mich sexuell aus zu agieren oder mich
von sexuellen Erlebnissen zu erholen.
10. Aufgrund des sexuellen
Verhaltens werden andere berufliche und/oder soziale Aktivitäten
vernachlässigt. Z.B. komme ich meiner Arbeit nicht mehr nach, verliere
Freundschaften, kümmere mich nicht mehr um meine Familie.
Sucht erkennen
1. Typen der Sucht
1.1 Das Erkennen der Sucht ist wichtig. Nicht jede Sucht ist gleich.
(a)
AlphaTyp: Die Sucht wird zur Erleichterung gebraucht. Es liegt noch
kein Kontrollverlust vor. Die Sucht dient der Abwehr der Probleme. Wenn
sie nicht unterbrochen wird, kann die Einsicht in die Problemarbeit
schwinden. Mit dem Betroffenen kann also auch an Problemen gearbeitet
werden, wobei die Sucht als Problem und Angstabwehr klar benannt und in
eine Ordnung des Bekennens gebracht werden soll. Die Abwehr deutet aber
an, dass der Betroffene noch kein bewusstes Verhältnis zu seinen
Problemen hat, dass er sich eher mit der Problembewältigung übernimmt
und dass er zu wenig darauf achtet, was seine Seele braucht. Hier gilt
es, eine Balance zwischen Problembewältigung und positivem Erleben
herzustellen.
(b) BetaTyp: Die Sucht geschieht aus Anpassung an
soziale Umstände. Dies ist bei der Sexsucht nicht gegeben, aber bei den
Süchten Alkohol und Essen. Der Süchtige ist nicht seelisch abhängig.
Gleichwohl wird, im Laufe der Zeit, eine körperliche Abhängigkeit
ausgebildet.
(c) GammaTyp: Dies ist der eigentlich Süchtige, da er
einen Kontrollverlust erlitten hat, typische Abstinenzsymptome zeigt
und eine Toleranzsteigerung aufweist (schlicht: er braucht mehr, um
betrunken zu werden!). Der Süchtige hat durch seinen Kontrollverlust
keinen Zugang mehr zu seinem Problem. Die Problemverlagerung ist
gelungen. Die körperlich-seelische Abhängigkeit lässt den Süchtigen
unkontrolliert sein Suchtmittel gebrauchen. Die Sucht ist daher auch
nicht mehr durch Einsicht in das eigene Verhalten zu unterbrechen. Sie
muss schlicht unterbrochen werden, d.h. ein Entzug muss geschehen. Auch
im sexuellen Bereich ist ein Entzug wichtig, da es auch hier um eine
stoffliche Abhängigkeit geht.
(d) DeltaTyp: Durch schleichende
Gewöhnung, über unauffällige Wege, wird die Sucht eingeleitet, bis sie
dann zum Kontrollverlust führt.
(e) EpsilonTyp: Ein Süchtiger, der
überaus korrekt ist und sich sehr anstrengt. Sein Alltag ist hoch
geregelt. Er braucht ab und zu den Ausbruch in die Sucht. Man ist
geneigt, diesen Typus als wenig problematisch abzutun. In Wirklichkeit
ist das Problem aber schwerwiegender als beim AlphaTyp. Denn hier ist
eine körperlich-seelische Gewöhnung an eine phasenweise Entlastung
eingetreten, die gleichermaßen unkontrolliert verläuft, wie beim
GammaTyp. Hier kann also nicht mehr allein von einer Problemabwehr
gesprochen werden.
1.2 Suchtkreislauf
Das Erarbeiten des Suchtkreislaufes ist für die Betroffenen wichtig.
(a) Eintrittsphase: Typische Niedergeschlagenheit; bei GammaTypen kann dies entfallen.
(b) Innere Erklärungen und Diskussionen warum ich und warum ich nicht das Suchtmittel gebrauchen soll.
(c)
Das Ergebnis der Erklärung: der Betroffene taucht in einen Nebel ein,
in dem er seinen Rechtfertigungen "irgendwie" glaubt. Es tritt ein
"Tunnelzustand" ein, aus dem der Betroffene erst nach der Suchtausübung
wieder auftaucht.
(d) Das Ausagieren der Sucht.
(e) Innere
Niedergeschlagenheit, die meist Rechtfertigung für weiteres
Suchtverhalten sein kann, aber auch die Türe des Ausstiegs darstellen
kann.
(f) Integration des Erlebten in das allgemeine innere
Versagen, Verstärkung der Grundproblematik, Verlust der Handlungs- und
Reflexionsfähigkeit. Das Feedback der Sucht auf die Psyche hat vor
allem bei lang andauernder Sucht gravierende folgen.
1.3 Erkenntnis aufbauen
Die
Sucht sollte nicht nur vom Berater sondern auch vom Betroffenen erkannt
werden. Das Typische an der Sucht ist das Abwälzen des Drucks auf
andere. Dies soll mit dem Aufbau von Erkenntnis beim Betroffenen
unterbunden werden. Ziel ist, dass der Betroffene erkennt, dass er für
seine Sucht selbst verantwortlich ist und nicht andere.
Wir müssen
zugleich aber wissen, dass der oder die Betroffene die Sucht und die
Problemerkenntnis niemals ganz kongruent setzen kann. Es ist eher so,
dass man zwar ein Problem sieht, es aber nicht in einem Zusammenhang
mit der Sucht oder der eigenen Beeinflussung sehen kann. Daher ist die
Erarbeitung des Suchtkreislaufes wichtig. Dies kann ein erster Schritt
zu einer Problemaneignung sein.
2. Strategien der Hilfe speziell
2.1 Sucht ist nur durch gezielte Verhaltensänderung zu regulieren
Die
Verhaltensänderung soll die Sucht minimieren oder sie wenigstens in
einen Alpha-Zusammenhang bringen. D.h. Auslöser und seelische
Notwendigkeit der Sucht ist für den Betroffenen wieder einsehbar.
Erst
nach dem Kontrollgewinn über die Sucht kann eine Bearbeitung der
inneren Probleme erfolgen. Sprich: Erst hier ist eine Living
Waters-Gruppe/Aufbruch Leben-Gruppe und ihre Tiefenwirkung hilfreich.
2.2 Wir unterscheiden zwischen Verhaltensänderung ersten und zweiten Grades.
Verhaltensänderung ersten Grades (kurz- bis mittelfristige Lösung)
(a)
Äußere Ablenkung: Der Betroffene soll sich drei Dinge ausdenken, die er
tut, wenn der Suchtdruck kommt. Diese Dinge sollten konkret und immer
verfügbar sein: Ich lese eine Krimi von XY. Ich spiele Klavier. Ich
gehe Laufen (d.h. ich brauche bereitstehende Laufschuhe und
Laufbekleidung).
(b) Innere Ablenkung: Ich habe drei Dinge, über die
ich nachdenken kann und die mich innerlich ablenken. Beispiel: Ich
plane meinen Urlaub. Ich denke über den nächsten Vortrag nach. Ich
plane das Programm meiner Jugendgruppe. Ich überlege, wo ich mein Geld
anlegen kann.
(c) Entspannungstechnik: Es soll eine
Entspannungstechnik gelernt werden. Grund: Der Süchtige leidet
normalerweise an einem Verlust des Körperempfindens. Er nimmt
Spannungen (Suchtdruck oder Unwohlsein, Frustrationen) nicht mehr
wirklich wahr. Durch die Entspannung soll ihm geholfen werden, den
Körper wieder zu resensibilisieren. Dies hilft später zur
Suchtunterbrechung. Zu empfehlen ist zum Beispiel die progressive
Muskelentspannung nach Jakobsen.
(d) Entspannung allgemein: Der
Süchtige sollte herausfinden, was ihn wirklich entspannt. Zu achten ist
hierbei auf aktive und passive Wege der Entspannung gleichermaßen.
Passiv: Musik hören. Aktiv: Schwimmen.
(e) Kontakte: Der Betroffene
braucht drei Personen, die er im Falle eines Suchtanfalls anrufen kann.
Sie sollten über sein Problem Bescheid wissen, mit ihm beten können und
ihn an die Dinge erinnern, die er nach dem Auflegen des Hörers tun kann.
Verhaltensänderung zweiten Grades (mittel bis langfristig):
(a)
Alle genannten Strategien sollen beibehalten werden. Die allgemeine
Entspannung sollte ausgeprägt werden, so dass daraus vielleicht ein
Hobby und eine regelmäßige Praxis entsteht.
(b) Soziales Netz
aufbauen: Das soziale Netz, das dem Betroffenen neben positiven
Anforderungen auch Entspannung und Annahme bringt, sollte aktiviert
werden.
(c) Selbstkompetenzverhalten aufbauen:
Selbstkompetenzverhalten, dessen Ausfall im Allgemeinen zu Frust führt,
muss ausgebildet werden: Bedürfnisse äußern; Rechte durchsetzen; sich
als wertvoll erachten; das, was man tut, wert achten.
(d) Arbeit an Zeitstrukturen: Der Betroffene soll seine Zeitstruktur ordnen und einen Wochenrhythmus lernen: Was tue ich wann?
(e)
Es können zeitliche Überlastungen bearbeitet werden. Da diese oft an
tiefen emotionalen Entscheidungen und Konflikten hängen, ist hier eine
Tür zu tiefer emotionaler Arbeit.