Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt,
was es noch nicht gegeben hat, etwas Erstes und Einziges.
(Martin Buber)

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WENN SEX ZUR SUCHT WIRD

Kann Sex denn süchtig machen, wo doch keine Droge im Spiel ist? Wie die Spielsucht zum Beispiel, erscheint die Sexsucht als nicht-stoffliche Sucht, da es hier nicht um Stoffe geht, die man dem Körper zuführen würde. Vielmehr leben solcher Art Süchte von der Erregung. Was aber geht da im Köper vor?

Bei der Sexsucht beobachtet man, dass es einen Zusammenhang mit biochemische Prozessen gibt, die im Gehirn ausgelöst werden. So werden bei sexuellen Phantasiespielen und beim Orgasmus biochemische Botenstoffe im Gehirn freigesetzt, zum Beispiel das Phenylethanolamin (PEA). Die Molekularstruktur von PEA ähnelt der von Amphetaminen und erzeugt einen Zustand hoher Erregung. PEA bewirkt einen sofortigen Stimmungswechsel.
Natürlich ist es zu einfach, wenn man sagt, die Sexsucht hängt am PEA. Was sich aber als wahrscheinlich darstellt ist, dass der Mensch, der sich in bestimmten Zusammenhängen an Sex gewöhnt, ihn immer wieder braucht. Welche weiteren der 300 Botenstoffe, die es im Gehirn gibt, der Mensch sonst noch rauschhaft verwendet, ist bislang ungeklärt.

Folgende weitere Faktoren sind wichtig:

a.) Man hat festgestellt, dass sich die PEA-Konzentration in Zusammenhang mit sozialen Reizen eher erhöht; so zum Beispiel im Zusammensein mit bestimmten Menschen, die eine anziehende Wirkung haben.
b.) Man hat festgestellt, dass es vermutlich einen Zusammenhang zwischen der Ausschüttung von PEA und anderen morphinartigen Botenstoffen gibt, wenn Angst und Risiko mit ins Spiel kommen.
c.) Sexuelle Stimulation im Zusammenhang mit inneren Spannungszuständen wie Stress, Ängsten, Minderwertigkeiten, fördert die Gewöhnung und bereitet die spätere Abhängigkeit vor.

Fazit: Sexsucht ist zwar an bestimmte äußere Faktoren gebunden, ist aber dennoch eine stoffliche Sucht. Daher muss bei der Therapie genauso ein Entzug erfolgen, wie bei anderen Formen von Sucht.
Bin ich süchtig?
Vor aller Überlegung, wie man aus Suchtverhalten auch wieder heraus kommen kann, ist es sehr wichtig, Sucht auch eindeutig festzustellen und zu formulieren. Dazu sollen die unten stehenden Merkmale dienen. Wenn mehrere der genannten Merkmale zutreffen, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit Sexsucht vor.

10 wichtige Merkmale für Sexsucht:

1. Mein sexuelles Verhalten ist außer Kontrolle geraten. Ich habe den Drang, mich mehrmals täglich selbst zu befriedigen; stündlich oder sogar mehrmals pro Stunde habe ich eine starke Erregung oder hänge sexuellen Phantasien nach. (u.a.m.)
2. Ich gehe bei der Ausübung meiner Sexualität hohe Risiken ein, z.B.: Ich nehme keine Rücksicht auf gesundheitliche Folgen. Ich verwende keine Kondome. Ich schlafe trotz einer Geschlechtskrankheit mit Menschen. Ich begebe mich in gefährliche Situationen, um Sex zu erleben.
3. Ich bemerke bei mir die Unfähigkeit, trotz schädlicher Konsequenzen mein Verhalten zu ändern. Ich merke täglich oder phasenweise, dass ich mich immer wieder sexuell stark ausagieren muss.
4. Mit meinem Verhalten gefährde ich mein Leben, meinen sozialen Status, meine wirtschaftliche Grundlage, nehme z.B. den Verlust von Ehe und Familie in Kauf. Ich gebe übermäßig viel Geld aus, um Sex zu haben oder stimulierendes zu konsumieren. Sex beschäftigt mich auch bei der Arbeit und ich täusche meinem Arbeitgeber z.B. Krankheit vor, um sexuellen Phantasien oder Handlungen nachgehen zu können.
5. Ich habe den kontinuierlichen Wunsch, Sex in den Griff zu bekommen. Immer wieder nehme ich mir daher vor: jetzt ist es das letzte Mal!
6. Ich habe ständig sexuelle Zwangsvorstellungen, vor allem dann, wenn ich im Stress bin und stark unter Druck stehe.
7. Ich suche in meiner Sexualität immer nach dem noch größeren Kick. Immer bin ich von dem, was ich sexuell erlebe, enttäuscht.
8. Ich leide unter starken Stimmungsschwankungen, vor allem vor, während und nach der sexuellen Erregung. Wenn ich keine sexuelle Erregung oder kein sexuelles Abenteuer erlebe, werde ich unruhig, ungenießbar, aggressiv, unkonzentriert, fahrig.
9. Ich verschwende übermäßig viel Zeit, um mir Sex zu verschaffen mich sexuell aus zu agieren oder mich von sexuellen Erlebnissen zu erholen.
10. Aufgrund des sexuellen Verhaltens werden andere berufliche und/oder soziale Aktivitäten vernachlässigt. Z.B. komme ich meiner Arbeit nicht mehr nach, verliere Freundschaften, kümmere mich nicht mehr um meine Familie.

Sucht erkennen

1. Typen der Sucht

1.1 Das Erkennen der Sucht ist wichtig. Nicht jede Sucht ist gleich.

(a) AlphaTyp: Die Sucht wird zur Erleichterung gebraucht. Es liegt noch kein Kontrollverlust vor. Die Sucht dient der Abwehr der Probleme. Wenn sie nicht unterbrochen wird, kann die Einsicht in die Problemarbeit schwinden. Mit dem Betroffenen kann also auch an Problemen gearbeitet werden, wobei die Sucht als Problem und Angstabwehr klar benannt und in eine Ordnung des Bekennens gebracht werden soll. Die Abwehr deutet aber an, dass der Betroffene noch kein bewusstes Verhältnis zu seinen Problemen hat, dass er sich eher mit der Problembewältigung übernimmt und dass er zu wenig darauf achtet, was seine Seele braucht. Hier gilt es, eine Balance zwischen Problembewältigung und positivem Erleben herzustellen.
(b) BetaTyp: Die Sucht geschieht aus Anpassung an soziale Umstände. Dies ist bei der Sexsucht nicht gegeben, aber bei den Süchten Alkohol und Essen. Der Süchtige ist nicht seelisch abhängig. Gleichwohl wird, im Laufe der Zeit, eine körperliche Abhängigkeit ausgebildet.
(c) GammaTyp: Dies ist der eigentlich Süchtige, da er einen Kontrollverlust erlitten hat, typische Abstinenzsymptome zeigt und eine Toleranzsteigerung aufweist (schlicht: er braucht mehr, um betrunken zu werden!). Der Süchtige hat durch seinen Kontrollverlust keinen Zugang mehr zu seinem Problem. Die Problemverlagerung ist gelungen. Die körperlich-seelische Abhängigkeit lässt den Süchtigen unkontrolliert sein Suchtmittel gebrauchen. Die Sucht ist daher auch nicht mehr durch Einsicht in das eigene Verhalten zu unterbrechen. Sie muss schlicht unterbrochen werden, d.h. ein Entzug muss geschehen. Auch im sexuellen Bereich ist ein Entzug wichtig, da es auch hier um eine stoffliche Abhängigkeit geht.
(d) DeltaTyp: Durch schleichende Gewöhnung, über unauffällige Wege, wird die Sucht eingeleitet, bis sie dann zum Kontrollverlust führt.
(e) EpsilonTyp: Ein Süchtiger, der überaus korrekt ist und sich sehr anstrengt. Sein Alltag ist hoch geregelt. Er braucht ab und zu den Ausbruch in die Sucht. Man ist geneigt, diesen Typus als wenig problematisch abzutun. In Wirklichkeit ist das Problem aber schwerwiegender als beim AlphaTyp. Denn hier ist eine körperlich-seelische Gewöhnung an eine phasenweise Entlastung eingetreten, die gleichermaßen unkontrolliert verläuft, wie beim GammaTyp. Hier kann also nicht mehr allein von einer Problemabwehr gesprochen werden.

1.2 Suchtkreislauf

Das Erarbeiten des Suchtkreislaufes ist für die Betroffenen wichtig.
(a) Eintrittsphase: Typische Niedergeschlagenheit; bei GammaTypen kann dies entfallen.
(b) Innere Erklärungen und Diskussionen warum ich und warum ich nicht das Suchtmittel gebrauchen soll.
(c) Das Ergebnis der Erklärung: der Betroffene taucht in einen Nebel ein, in dem er seinen Rechtfertigungen "irgendwie" glaubt. Es tritt ein "Tunnelzustand" ein, aus dem der Betroffene erst nach der Suchtausübung wieder auftaucht.
(d) Das Ausagieren der Sucht.
(e) Innere Niedergeschlagenheit, die meist Rechtfertigung für weiteres Suchtverhalten sein kann, aber auch die Türe des Ausstiegs darstellen kann.
(f) Integration des Erlebten in das allgemeine innere Versagen, Verstärkung der Grundproblematik, Verlust der Handlungs- und Reflexionsfähigkeit. Das Feedback der Sucht auf die Psyche hat vor allem bei lang andauernder Sucht gravierende folgen.

1.3 Erkenntnis aufbauen

Die Sucht sollte nicht nur vom Berater sondern auch vom Betroffenen erkannt werden. Das Typische an der Sucht ist das Abwälzen des Drucks auf andere. Dies soll mit dem Aufbau von Erkenntnis beim Betroffenen unterbunden werden. Ziel ist, dass der Betroffene erkennt, dass er für seine Sucht selbst verantwortlich ist und nicht andere.
Wir müssen zugleich aber wissen, dass der oder die Betroffene die Sucht und die Problemerkenntnis niemals ganz kongruent setzen kann. Es ist eher so, dass man zwar ein Problem sieht, es aber nicht in einem Zusammenhang mit der Sucht oder der eigenen Beeinflussung sehen kann. Daher ist die Erarbeitung des Suchtkreislaufes wichtig. Dies kann  ein erster Schritt zu einer Problemaneignung sein.

2. Strategien der Hilfe speziell

2.1 Sucht ist nur durch gezielte Verhaltensänderung zu regulieren

Die Verhaltensänderung soll die Sucht minimieren oder sie wenigstens in einen Alpha-Zusammenhang bringen. D.h. Auslöser und seelische Notwendigkeit der Sucht ist für den Betroffenen wieder einsehbar.
Erst nach dem Kontrollgewinn über die Sucht kann eine Bearbeitung der inneren Probleme erfolgen. Sprich: Erst hier ist eine Living Waters-Gruppe/Aufbruch Leben-Gruppe und ihre Tiefenwirkung hilfreich.

2.2 Wir unterscheiden zwischen Verhaltensänderung ersten und zweiten Grades.

Verhaltensänderung ersten Grades (kurz- bis mittelfristige Lösung)

(a) Äußere Ablenkung: Der Betroffene soll sich drei Dinge ausdenken, die er tut, wenn der Suchtdruck kommt. Diese Dinge sollten konkret und immer verfügbar sein: Ich lese eine Krimi von XY. Ich spiele Klavier. Ich gehe Laufen (d.h. ich brauche bereitstehende Laufschuhe und Laufbekleidung).
(b) Innere Ablenkung: Ich habe drei Dinge, über die ich nachdenken kann und die mich innerlich ablenken. Beispiel: Ich plane meinen Urlaub. Ich denke über den nächsten Vortrag nach. Ich plane das Programm meiner Jugendgruppe. Ich überlege, wo ich mein Geld anlegen kann.
(c) Entspannungstechnik: Es soll eine Entspannungstechnik gelernt werden. Grund: Der Süchtige leidet normalerweise an einem Verlust des Körperempfindens. Er nimmt Spannungen (Suchtdruck oder Unwohlsein, Frustrationen) nicht mehr wirklich wahr. Durch die Entspannung soll ihm geholfen werden, den Körper wieder zu resensibilisieren. Dies hilft später zur Suchtunterbrechung. Zu empfehlen ist zum Beispiel die progressive Muskelentspannung nach Jakobsen.
(d) Entspannung allgemein: Der Süchtige sollte herausfinden, was ihn wirklich entspannt. Zu achten ist hierbei auf aktive und passive Wege der Entspannung gleichermaßen. Passiv: Musik hören. Aktiv: Schwimmen.
(e) Kontakte: Der Betroffene braucht drei Personen, die er im Falle eines Suchtanfalls anrufen kann. Sie sollten über sein Problem Bescheid wissen, mit ihm beten können und ihn an die Dinge erinnern, die er nach dem Auflegen des Hörers tun kann.

Verhaltensänderung zweiten Grades (mittel bis langfristig):

(a) Alle genannten Strategien sollen beibehalten werden. Die allgemeine Entspannung sollte ausgeprägt werden, so dass daraus vielleicht ein Hobby und eine regelmäßige Praxis entsteht.
(b) Soziales Netz aufbauen: Das soziale Netz, das dem Betroffenen neben positiven Anforderungen auch Entspannung und Annahme bringt, sollte aktiviert werden.
(c) Selbstkompetenzverhalten aufbauen: Selbstkompetenzverhalten, dessen Ausfall im Allgemeinen zu Frust führt, muss ausgebildet werden: Bedürfnisse äußern; Rechte durchsetzen; sich als wertvoll erachten; das, was man tut, wert achten.
(d) Arbeit an Zeitstrukturen: Der Betroffene soll seine Zeitstruktur ordnen und einen Wochenrhythmus lernen: Was tue ich wann?
(e) Es können zeitliche Überlastungen bearbeitet werden. Da diese oft an tiefen emotionalen Entscheidungen und Konflikten hängen, ist hier eine Tür zu tiefer emotionaler Arbeit.

Verfasser: Markus Hoffmann, wuestenstrom, Tamm

Verweise