Denn der Mensch, der getragen vom Ich-Du sein Personsein findet,
ist der Mensch, der andere zur dialogischen Beziehung mit Gott einlädt
und anderen als ein Du begegnet, an dem der andere zum Ich werden kann.

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Inhalt

GRUNDLAGEN UNSERER SEELSORGE
1. Grundlegende Überlegungen

1.1 Der Mensch und die Frage nach seiner Identität

Wer ist der Mensch, der mit sich und seiner Identität als Mann oder als Frau ringt? Wer ist der Mensch, der Fragen in Bezug auf seine Sexualität hat? – Folgen wir der humanistischen Psychologie, die sagt, dass der Mensch die Lösung in sich trägt, dann ist sein Problem wohl, dass er in sich noch nicht genügend Selbstbewusstsein entwickelt hat.
Betrachtet man den Menschen aber mit dem Blick der Bibel, so stellt sie uns den Menschen als ein Wesen vor, das nur durch das Angesprochensein durch einen anderen zu seinem Menschsein kommt. Die Bibel sagt uns also, dass der Mensch am Du zum Ich wird. Folgen wir dieser Auffassung, dann ist der Mensch, der mit seiner Identität ringt, wohl einer, der sich nicht durch ein Du in seinem Frau- oder seinem Mannsein angesprochen fühlt. – In vielen hundert Gesprächen machen wir genau diese Beobachtung: Der Mensch, der mit seiner Identität ringt, ist einer, der beständig Ausschau hält nach einem Du, das ihn anspricht. Er ist also ein Fragender und einer, der nach einer Antwort sucht. Wollen wir uns also die Frage beantworten, wer der Mensch ist, der mit seiner Identität ringt, dann müssen wir ihm eine Frage stellen: Was suchst du? Oder: Welche Frage versuchst du dir zu beantworten? Oder noch besser: Welche Lebensfrage versuchst du durch deinen Konflikt, durch dein Problem, deine Beziehungsschwierigkeiten oder gar durch deine sexuellen Konflikte für dich zu lösen? - Aufgrund dieser Beobachtung stellen wir für unsere Seelsorge fest:


Der Mensch, der nach seiner Identität als Frau oder als Mann fragt, bewegt meist eine dreifache Frage: Wer bin ich? Bin ich angenommen? Bin ich handlungsfähig?

Die dreifache Frage nach seiner Identität kann sich der Mensch aber nie aus sich heraus beantworten. Er braucht dazu Beziehungen. Die Beziehung zu Gott und die Beziehung zu Menschen. Nur getragen durch diese doppelte Ich-Du Beziehung weiß der Mensch um seine Identität.

Auf diesem Hintergrund verstehen wir Konflikte, die der Mensch mit seinem Frau- oder seinem Mannsein hat, als nicht erfüllte Beziehungserfahrungen. Er hat in der Beziehung zu Menschen und aus der Beziehung mit Gott keine Antwort auf seine dreifache Frage empfangen können.

1.2 Ziel unserer Seelsorge

Lange Zeit waren wir selbst auf dem Weg, unsere Identität zu finden, Sicherheit zu gewinnen in unseren Beziehungen oder Minderwertigkeit in Bezug auf unsere Handlungsfähigkeit zu überwinden. Dabei war uns das Ziel des Weges unklar oder besser die Frage: Wodurch kann der Konflikt in uns gelöst werden? – Oft dachten wir, er könne allein durch das Bekennen von Sünde und Fehlverhalten gelöst werden. Ein anderes Mal dachten wir, er könne nur durch Vergebung gelöst werden. Und dann wieder glaubten wir, dass wir die Bekehrung unseres Herzens brauchten. – Als Menschen, die durch Beziehungen verletzt waren, betrachteten wir die Welt durch die Milchglasscheibe eines Verbotes: Alle Lösungen waren gut und richtig, wenn sie nur nichts mit Beziehungen zu tun hatten. Denn Beziehungen waren verletzt, Beziehungen waren angefüllt mit Misstrauen, Beziehungen waren manchmal zur Sünde und zur Perversion verkehrt worden oder waren abhängig und daher zu einer scheinbaren Sackgasse für die Lösung unserer Probleme geworden. Es dauerte lange und war mit vielen Rückschlägen verbunden, bis wir erkennen konnten: Wir sind als Menschen durch Beziehungen verletzt worden, also können wir auch nur durch Beziehungen heil werden. Das Ziel aller Seelsorge ist daher so zu fassen:

Ziel der Seelsorge ist, dem Menschen zu helfen, aus der Ich-Du Beziehung zu Gott und zu Menschen eine Antwort auf die Fragen in seiner Person zu empfangen, die in ihm offen geblieben sind.

Daher wollen wir dem Menschen zu einer dialogischen Gottesbeziehung helfen, also zu einer Beziehung mit dem dreieinigen Gott, die aus dem Dialog zwischen Ich und Du lebt.

Gleichzeitig wollen wir dem Menschen helfen, seine Beziehungen zu Menschen neu zu ordnen. Die Erneuerung von Beziehung kann durch praktizierte Vergebung geschehen. Sie erfüllt ihren Sinn nicht nur darin, dass der Mensch vergangene Beziehungen bereinigt und damit lebensgeschichtliche Konflikte angeht, sondern soll dem Menschen dazu helfen, den Ballast der Vergangenheit von gegenwärtigen Beziehungen zu räumen.  Nur so kann der Mensch ihm geschenkte Beziehungen als Ort erfahren, an dem er – neben dem Dialog mit Gott – eine Antwort auf seine Fragen bezüglich seiner Identität erhalten kann.

Ziel der Seelsorge ist daher, dass der Mensch durch die Beziehung mit Gott in die Beziehung mit Menschen kommt und so in doppelter Weise ein Ja für sich als Frau oder als Mann empfangen kann. Dabei ist klar, dass der Mensch dem Menschen immer nur ein vorletztes Ja, auf seine Fragen geben kann. Gott ist aber der, der den Menschen mit einem letzten und vollkommenen Ja anspricht.

2. Tragende Grundpfeiler unserer Seelsorge

2.1 Was ist Sünde?

Was ist Sünde? In einem individualistischen Weltbild, in dem der Mensch auf sich selbst geworfen ist, verstehen wir Sünde oft als die Unfähigkeit, Gutes zu tun. Sünde ist also zuerst ein moralischer Konflikt und hat etwas mit unserem Verhalten zu tun. Wenn wir aber anschauen, was die Bibel als Sünde definiert, bekommen wir zu verstehen, dass Sünde Beziehungsabbruch bedeutet. Der Mensch will sein wie Gott und zerstört daher die Beziehung zwischen sich und Gott. Bei genauer Betrachtung geht es daher in unserer Sünde weniger um moralische Verfehlung, sondern um Beziehungsabbruch. So sollte sich der Sünder nicht zuerst fragen: Was habe ich falsch gemacht? Er sollte sich fragen: Warum kann ich nicht vertrauen? Warum kann ich mich nicht auf Beziehungen einlassen? Was ist mir passiert, dass ich nicht vertrauen kann? – Nach unserer Ansicht will die Bibel den Menschen mit dem Begriff Sünde nicht verdammen, sondern Gottes Wunsch ausdrücken, dass er mit seinem Menschen Gemeinschaft haben will und dass er sich wünscht, dass der Mensch Gemeinschaft mit anderen hat. Daher sagen wir:

Die Bibel definiert Sünde als Abspaltung des Menschen von Gott. Der Mensch zieht sich auf sich selbst zurück und tritt nicht mit Gott in Beziehung. Das neue Testament macht uns deutlich, dass auch der Mensch, der seinen Bruder hasst oder ihn ablehnt, nicht in Beziehung zu Gott steht. (vgl. 1.Joh. 2.7ff., Mt. 5, 21-24). Sünde ist also Beziehungsabbruch im Verhältnis Gott - Mensch und im Verhältnis Mensch - Mensch.

2.2 Die Folge von Verletzungen ist die Sünde

Der Mensch, der von Beziehungsabbrüchen heimgesucht wird, steht vor einem Dilemma: Er kann sich das, was er als Frau oder als Mann ist, nie selber sagen. Er braucht den Menschen und er braucht die Beziehung zu Gott um sich als Person empfinden zu können, um im Sein von Beziehungen seinen Namen schwingen zu hören. Nur der Mensch, der in Beziehung da sein kann mit allem was er ist, kann in sich das Empfinden für Identität entwickeln. – Ist der Mensch aber nun durch Beziehungsabbrüche, durch Zurückweisungen, durch Missachtung verletzt worden, dann hat er einen doppelten Konflikt: Hinfort sind alle Beziehungen durch Misstrauen vermint und er ist hoffnungslos, weil er ohne das Du nicht zu seinem Ich finden kann. Wenn der Mensch nun also zum Menschen will, um das Ja für seine Person abzuholen, dann muss er sich im Minenfeld des Misstrauens und drohender Verletzung schützen. Er versteckt sich daher oft hinter einer Maske, präsentiert sich als unverletzbar, versteckt seine Bedürfnisse hinter Manipulationen oder hält andere auf Distanz und kontrolliert sie und denkt, dadurch eine Lösung für sein doppeltes Dilemma zu finden: Der Angst, erneut verletzt zu werden und der Sehnsucht, eine Antwort auf seine innerste Frage zu erhalten. Nicht selten flüchtet der Mensch, in Ermangelung einer Antwort und eines Zuspruchs für sich, in Fantasien. Dort stellt er sich dann vor, von anderen geliebt, wertgeschätzt, begehrt und bestätigt zu werden. – So wird deutlich, dass der Mensch, der Beziehungsabbruch erlebt hat, der Mensch ist, der durch eigene Beziehungsabbrüche, durch Misstrauen gegenüber anderen und durch illusionäre Sünden, wie Süchte, sexuelle Illusionen, durch Neid, Missgunst, u.a.m. versucht, den erlittenen Beziehungsabbruch zu heilen.

Verletzungen ziehen also Misstrauen und die Beziehungslosigkeit des Menschen zum Menschen und meist auch zu Gott nach sich. Der ursprünglich unverschuldeten Verletzung folgt also die Sünde. Sünde in diesem Zusammenhang ist aber nichts anderes, als der Versuch, sich ohne in Beziehung treten zu müssen, eine Frage im Bereich seines Personseins zu beantworten.

2.3 Ziel der Seelsorge: Erfüllung

Viele Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, glauben, dass sie durch die Beseitigung eines Defizits ihren Konflikt lösen können. Sie wollen daher zunächst etwas richtig machen oder denken, durch Unterlassen oder Überwinden etwas lösen zu können. – Ist es aber nicht so, dass der Mensch, der durch Beziehungen verletzt worden ist, nur durch Beziehungen geheilt werden kann? Ist es nicht so, dass das, was sich in uns als unerfüllte Frage in Beziehungsabbrüchen und illusionärer Flucht vor der Realität zeigt, nur dadurch gelöst werden kann, indem das erfüllt wird, wonach wir uns sehnen? Auf dem Hintergrund, dass der Mensch nur am Du zum Ich werden kann, ist das Ziel der Seelsorge nur das eine: Dem Menschen in Beziehungen hineinzuhelfen, um dort eine Antwort auf die Fragen zu erhalten, auf die er in seinem Leben keine Antwort erhalten hat. Das Ziel der Seelsorge ist daher zuerst Erfüllung und nicht die Überwindung von Defiziten. Erfüllung in diesem Horizont meint aber mehr, als dass der Mensch zu einer gewissen Selbstzufriedenheit findet. Vielmehr soll sich in der Ich-Du Beziehung die Bestimmung erfüllen, die der Mensch von Gott her für Menschen und die Welt hat. Das Ziel der Seelsorge definieren wir daher so:

Folgen wir dem Ansatz, dass der Mensch nur am Du zum Ich wird, so ist das Ziel der Seelsorge auf der einen Seite die Herstellung der Beziehungsfähigkeit zwischen Gott und Mensch und Mensch und Mensch. Auf der anderen Seite wird klar, dass Sünde nicht in erster Linie dadurch bewältigt wird, dass man etwas lässt oder dass man ein Defizit ausräumt. Eine Seelsorge, die dem Menschen hinein hilft in die Gott - Mensch und die Mensch - Mensch Beziehung ist vielmehr eine Seelsorge der Erfüllung. Denn das Ziel aller Ich-Du Beziehung ist, dass der Mensch von einem Du her in seinem Ich angesprochen wird und so eine Antwort auf seine Fragen bekommt: „Wer bin ich?“, „bin ich geliebt?“, „bin ich handlungsfähig?“

Wir erkennen auch im ersten und zweiten Kapitel der Genesis, dass Gott dem Menschen auf die Fragen seiner Identität eine Antwort gegeben hat. So antwortet Gott auf die Frage des Menschen „wer bin ich?“ indem er ihn als Frau oder als Mann schafft. ER antwortet auf die Frage nach Annahme durch die Beziehung, die er schaffend mit dem Menschen eingeht und indem er sein Ebenbild immer schon als die Einheit von zweien sieht: Frau und Mann sind das Ebenbild Gottes. Ausdrücklich antwortet er aber auf die Frage nach Annahme, indem er in Genesis 2 hören lässt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei!“

Gott antwortet aber auch auf die Frage nach Handlungsfähigkeit: So sagt er dem Menschen, dass er gesetzt ist zum Bebauen und Bewahren und zur Fruchtbarkeit. – In der Gottesbeziehung erhält der Mensch also eine Antwort auf die Frage zu seiner Identität.

Genauso wird aber auch aus der biblischen Verkündigung immer wieder klar, dass Gott dem Menschen den Menschen gesetzt hat, um ihm Antwort auf Fragen in Bezug auf seine Person zu geben.

Wenn das Ziel der Seelsorge Erfüllung ist, bedeutet auf diesem Hintergrund Erfüllung aber nicht nur, dass der Mensch zu sich kommt, sondern dass er als Ebenbild Gottes lebt. Von daher ist eine Seelsorge, die auf die Reifung von Identität ausgerichtet ist, nicht mit einer Psychologie der Selbstverwirklichung zu verwechseln. Denn der Mensch, der getragen vom Ich-Du sein Personsein findet, ist der Mensch, der andere zur dialogischen Beziehung mit Gott einlädt und anderen als ein Du begegnet, an dem der andere zum Ich werden kann.

2.4 Innere Gebet – Ich-Du Beziehung zu Gott

Der Mensch, der nur am Du zum Ich werden kann, darf lernen, seine Beziehung zu Gott aus dem Wissen zu gestalten, dass Gott das Du ist, das beständig um ihn ist und ihn anspricht. Für manche erscheint das einleuchtend, denn Gott offenbart sich ja selbst, als einer der DA IST (Ex. 3,14). Oft aber wissen wir nicht, dass er da ist. Wir erleben uns gebeutelt vom Schicksal, wir erleben Verlassenheit und Verzweiflung. Hat uns Gott in diesen Augenblicken verlassen? Oder ist es nicht so, dass er uns durch das vermeintliche Schicksal, das er uns schickt, eine Frage stellt? Ist es nicht so, dass er uns selbst am Kreuz zeigt, dass wir unseren ganzen Schmerz ihm hinschreien können, selbst dann, wenn wir uns verlassen fühlen? – Damit die Gottesbeziehung zu einer beständigen Ich-Du Beziehung wird, laden wir Menschen ein, Gebet für sich neu zu verstehen:

Weil der Mensch nur am Du Gottes zum Ich werden kann, ist unsere Seelsorge immer verbunden mit der Einladung zum Inneren Gebet. Inneres Gebet hat zum Inhalt, dass der Mensch Gott als Du begegnet. Das innere Gebet ist damit nicht beschränkt auf Fürbitte oder Dank oder Lob, sondern meint Begegnung. Begegnung meint aber, dass sich der Mensch mit seinem ganzen Wesen Gott anvertraut und dass umgekehrt Gott sich mit seinem ganzen Wesen uns offenbart. Dort wo der Mensch Gott als Du erfährt, kann er sich von ihm in der Mitte seines Wesen ansprechen lassen und am Du Gottes zum Ich, zum Ebenbild Gottes werden.

So wollen wir Menschen einen Weg zeigen, wie sie Gott als Du erleben können und wie sie sich Gott als ein Ich anvertrauen können. – Das Innere Gebet ruht also auf dem Prinzip des Ich - Du. Neben diesem Prinzip darf jeder Mensch seine eigene Form des Ich-Du Dialogs mit Gott finden. Wichtig ist nur, dass der Mensch sich von Gott ermutigt fühlt, ihm sein ganzes Wesen anzuvertrauen, weil auch Gott seinerseits uns sein ganzes Wesen anvertrauen will.

2.5 Vergebung – Ich-Du Beziehung zum Menschen

Viele Menschen denken, Vergebung sei Christenpflicht. Vergebung sei ein Akt, den ich zu vollziehen habe. Die Gedanken, die einen solchen Akt begleiten, sind nicht selten magisch. So stellt sich die Fantasie ein, dass sich durch Vergebung meine Vergangenheit auflöst oder auf einmal mein ganzes Menschsein verändert. – Wir mussten in unserer Arbeit lernen zu verstehen, dass Vergebung der Weg des Menschen zurück zum Menschen ist. Denn neben der Gottesbeziehung steht untrennbar die Beziehung des Menschen zum Menschen. Denn man kann Gott nicht lieben und seinen Bruder hassen oder man kann nicht mit Gott eine Ich-Du Beziehung leben und den Beziehungsabbruch mit seinem Nächsten fortsetzen. – Damit aus solchen Sätzen aber kein Gesetz sondern Gnade wird, müssen wir den Sinn von Vergebung verstehen. Er ist darin zu fassen, dass es Gottes Wunsch ist, dass wir nicht allein sein sollen und, dass wir einen anderen haben, der uns in Beziehung hineinholt, damit wir aus der Verlorenheit bloßen Existierens herausgeholt werden. So schenkte Gott dem Adam die Eva. Sie war es, die Adam aus seinem Alleinsein erlöste, weil sie ihm gegenüber geworden war und weil er sie hat sein Gegenüber werden lassen. Vergebung ist aber keine Fähigkeit, die der Mensch für sich hat. Vergeben können wir nur, weil Jesus alle Krankheit, damit auch alle Verletzung am Kreuz getragen hat. Wir können also zum Du des anderen nur hin finden, wenn wir aus der Kraft dessen leben, was Jesus schon getan hat. Daher definieren wir Vergebung in unserer Arbeit so:

Weil Gott dem Menschen Beziehungen zu Menschen geschenkt hat, um durch sie Segen für seine Person zu erlangen, nimmt in unserer Seelsorge die Vergebung eine zentrale Rolle ein. Dabei verstehen wir Vergebung als die Klärung von Beziehung aus der Möglichkeit, dass Jesus für alle Verletzung und Krankheit am Kreuz bereits Verantwortung übernommen hat.  Wer daher im Namen Jesu vergibt, der sagt damit: Ich glaube, dass in Christus die Beziehungsverletzung in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart geheilt ist. Daher ermöglicht Vergebung dem Menschen das Eingehen von Beziehungen, aus denen er Segen für sein Personsein und damit Wachstum in seiner Identität erfahren kann.

2.6 „Ich in dir und du in mir“ – Die Kraft für den Weg

Das Ziel der Seelsorge ist angeklungen. Oft legen sich solche Ziele wie Aufgaben auf uns: Sünde hinter sich lassen, Beziehungen aufbauen, das Gebet als Ich-Du Dialog einüben, aus der Vergebung leben, etc. Und oft werfen so empfundene Aufgabenlasten bei Betroffenen die Frage auf: Ist Seelsorge am Ende nichts anderes als Anstrengung? Muss ich mich zusammenreißen, damit sich etwas in meinem Leben  verändert? – Eine Lösung dieser Frage finden wir, wenn wir christlichen Glauben verstehen lernen. Was wir verstehen dürfen ist, dass christlicher Glaube nichts anderes ist, als: „Ich weiß, dass das Du Gottes in mir ist und dass mein Ich im Du Gottes ist“. Glaube ist also, dass ich von der Kraft Gottes eingeholt bin, ja, dass Gott in mir Wohnung genommen hat, als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist. Aus der Gegenwart Gottes fließt uns aber Kraft zu: Kraft, die uns befähigt zur Wahrnehmung unserer Probleme; Kraft die uns befähigt, verantwortlich zu sein für unsere Sünde; Kraft, aus der wir Beziehungen ordnen und die Maske der Feindschaft vom Du abreißen können; Kraft, die zu unserem verzweifelten Geist redet, damit wir Hoffnung für den Weg haben, der vor uns liegt. Diese dreifache Kraft Gottes, die aus der Gegenwart Gottes nicht magisch, sondern aufgrund der Tatsache fließt, dass er in uns ist und wir in ihm, bringen wir in der Seelsorge nahe. Denn nur diese Kraft Gottes kann uns den Weg gehen lassen, der vor uns liegt. Nur diese Kraft lehrt uns: Veränderung ist kein Leben aus eigener Kraft, sondern ein Leben aus der Kraft Gottes. Damit ist aber auch klar: Seelsorge steht immer im Horizont von Nachfolge.

Christlicher Glaube als Einssein des Menschen mit Gott, verwirklicht sich aber nicht allein darin, dass der Mensch am Du Gottes zu seinem Ich findet, sondern darin, dass Gott sich ihm in Jesus ganz schenkt. Glauben heißt, dass Jesus in mir ist und ich in ihm. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ (Joh. 15.5) – Beziehung mit Gott als Einsseins bedeutet daher auch, dass Gott dem Menschen, indem er ihm seine Gegenwart schenkt, Kraft gibt für seinen Weg. Wesentlicher Inhalt unserer Seelsorge ist daher, Menschen einen Weg zu zeigen und sie in eine Glaubenspraxis einzuführen, die ihnen hilft, aus der Gegenwart Gottes den Prozess einer Veränderung wagen zu können.


ZIEL DER SEELSORGE IST, DEM MENSCHEN ZU HELFEN,

AUS DER ICH-DU BEZIEHUNG ZU GOTT UND ZU MENSCHEN

EINE ANTWORT AUF DIE FRAGEN SEINER PERSON ZU EMPFANGEN,

DIE IN IHM OFFEN GEBLIEBEN SIND.

Verweise